Navigation

Was, wo und wie Senioren morgen essen möchten

Die Gesellschaft wird – auch infolge von Zuwanderung – immer vielfältiger. Dabei wird auch die Heterogenität der 75- bis 85-Jährigen und deren Individualisierung weiter zunehmen. (Foto: Karl-Düsterberg-Stiftung, Rheine, Mai 2018)

FAU stellt Studienergebnisse zu „Ernährungsstilen und Visionen selbstständig lebender älterer Menschen“ vor

Die Lebenserwartung der deutschen Bevölkerung steigt, und die Gesellschaft wird zunehmend älter: 2050 werden etwa 9,9 Millionen Menschen in Deutschland über 80 Jahre sein – 2015 waren es 4,7 Millionen. Gleichzeitig unterstützt das Pflegestärkungsgesetz den Wunsch vieler Hochbetagter, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu leben – und damit auch sich nach eigenen Vorlieben und Vorstellungen zu ernähren. Wie diese Vorstellungen genau aussehen, was sich Senioren für ihre künftige Ernährung und Ernährungsversorgung wünschen und wie staatliche und wirtschaftliche Dienstleister diesen Vorstellungen gerecht werden können, war bisher nicht bekannt. Diese Fragen standen daher im Fokus einer Studie des Instituts für Biomedizin des Alterns der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), gefördert durch die Karl-Düsterberg-Stiftung, die jetzt vorgestellt wurde.

Die Gesellschaft wird – auch infolge von Zuwanderung – immer vielfältiger. Dabei wird auch die Heterogenität der 75- bis 85-Jährigen und deren Individualisierung weiter zunehmen. Um den individuellen Ansprüchen nachkommen zu können, bedarf es einer großen Vielfalt der Angebote, die Faktoren wie den Geschmack, den gesundheitlichen Zustand, die finanziellen Ressourcen, die Wohnbedingungen und die soziale Einbindung berücksichtigen. „Die Ernährung ist im hohen Alter oft mit Anpassungen und Unterstützungsbedarf verbunden – Dienstleistungsangebote sollten möglichst passgenau auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten sein“, erklärt Prof. Dr. Dorothee Volkert vom Institut für Biomedizin des Alterns (IBA). „Senioren wünschen sich eine individuelle Ernährungsversorgung nach den eigenen Vorstellungen. Dabei werden Themen wie Regionalität, traditionelle und saisonale Speisen auch in Zukunft eine große Rolle spielen.“

Die Studienergebnisse

Sich so lange wie möglich nach ihren eigenen Wert-, Geschmacks- und Qualitätsvorstellungen versorgen – das wünschen sich alle Befragten. (Foto: Karl-Düsterberg-Stiftung, Rheine, Mai 2018)

Sich so lange wie möglich nach ihren eigenen Wert-, Geschmacks- und Qualitätsvorstellungen versorgen – das wünschen sich alle Befragten. Künftige Ernährungsangebote wirken also idealerweise dem alters- und krankheitsbedingten Verlust der Autonomie entgegen. Außerdem orientiert sich das Angebot zu jedem Zeitpunkt am individuellen Selbstständigkeitsgrad und berücksichtigt persönliche Wünsche sowie geschmackliche Vorlieben.

Großes Interesse zeigen die Hochbetagten an Informationen rund um das Thema Ernährung – am besten von Familienangehörigen recherchiert und zur Verfügung gestellt. Zukünftig ist damit zu rechnen, dass die Medienkompetenz der Hochbetagten und der Wunsch nach detaillierten Informationen über die Möglichkeiten der Ernährungsversorgung zunehmen wird. Allerdings setzen sie sich tendenziell wenig mit der eigenen Situation einer künftigen Hilfsbedürftigkeit auseinander.

Senioren wünschen sich soziale Gemeinschaft – beim Einkaufen, bei der Bestellung und Lieferung von Lebensmitteln, bei der Zubereitung beispielsweise des Mittagessens oder beim Essen selbst. Die sozialen Netzwerke verändern sich im hohen Alter jedoch nicht nur, sie werden schwächer. So essen heute (gerade mal) 28 Prozent der über 84-Jährigen regelmäßig mit Freunden oder mit der Familie. Durch Angebote, wie gemeinsame Kocherlebnisse, betreute Einkaufsfahrten oder soziale Treffpunkte mit Mahlzeiten- und Dienstleistungsangeboten, könnte die Ernährungsversorgung von Hochbetagten wieder mehr in die Gemeinschaft integriert werden.

Das Versorgungsmodell der Zukunft schafft passgenaue und individuelle Angebote für die Ernährung, die den Wünschen und Bedürfnissen der Hochbetagten in jedem Funktions- und Gesundheitszustand gerecht werden. Ebenso wichtig ist es den Senioren aber auch, über sich selbst zu bestimmen. Gefragt ist ein Versorgungsmodell, das einen fließenden Übergang von Angebot zu Angebot ermöglicht – ohne Qualitäts- und Vielfaltsverluste. Eine Herausforderung für Dienstleister und für die Gesellschaft zugleich, die nur unter Mitwirkung aller Beteiligten – nicht zuletzt auch des Staates und der Kommunen – bewältigt werden kann.

Das Versorgungsmodell der Zukunft schafft passgenaue und individuelle Angebote für die Ernährung, die den Wünschen und Bedürfnissen der Hochbetagten in jedem Funktions- und Gesundheitszustand gerecht werden. (Foto: Karl-Düsterberg-Stiftung, Rheine, Mai 2018)

Die Studie

In den Jahren 2016/2017 wurden am IBA in Nürnberg und an der geriatrischen Tagesklinik des Krankenhauses Barmherzige Brüder in Regensburg Interviews mit selbstständig lebenden Seniorinnen und Senioren durchgeführt. Einschlusskriterien waren, dass sie selbstständig im Privathaushalt leben, zwischen 75 und 85 Jahre alt sind, keinen Pflegebedarf haben sowie keine wesentlichen kognitiven Einschränkungen vorwiesen. Im zweiten Schritt wurden 2017 die Ergebnisse der Einzelinterviews in zwei Fokusgruppen mit Experten aus dem Bereich der Ernährungswissenschaft, -forschung und -medizin, der Gerontologie und Psychologie sowie Dienstleistern der Ernährungsversorgung diskutiert. Ziel war es, Ressourcen und Chancen in der derzeitigen Ernährungsversorgung zu identifizieren und Ideen für künftige zielgruppenorientierte, bedürfnis- und bedarfsgerechte Angebote zu generieren.

Das IBA wurde im Februar 1980 als erstes deutsches Institut für Gerontologie mit den Schwerpunkten Medizin und experimentelle Gerontologie eingeweiht. Es war der Abschluss eines langen Weges, denn experimentelle Gerontologie war noch in den 1960er und 1970er-Jahren in Deutschland absolutes Neuland. Der Durchbruch kam 1973, als an der FAU ein Lehrstuhl für Innere Medizin (Geriatrie) eingerichtet wurde. Ein Meilenstein in der Entwicklung des Instituts war 2008 die Errichtung einer Stiftungsprofessur für klinische Ernährung im Alter durch die Nürnberger Theo und Friedl Schöller-Stiftung. Im April 2009 hat Prof. Volkert die in Deutschland bisher einzige Professur für Ernährung im Alter angetreten.

Die Karl-Düsterberg-Stiftung e.V. wurde 1988 durch Karl Düsterberg, Gründer von apetito, gegründet. Seit 2014 ist Beate Düsterberg-Eissing, Tochter von Karl Düsterberg, Vorsitzende der Stiftung. Die Karl-Düsterberg-Stiftung fördert seit jeher Wissenschaft, Forschung, Bildung und Erziehung im Zusammenhang mit Lebensmitteln, Lebensmitteltechnologie, Ernährung und Ernährungsphysiologie sowie die berufliche Bildung des Lebensmittelbereiches. Sie finanziert und fördert Initiativen, wie die Studie des IBA, durch Spenden – auch seitens der apetito AG.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Dorothee Volkert

Tel.: 0911 5302 96150