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Im Herzen der Pädiatrie

Seit 1. Juli 2019 ist Prof. Wölfle der neue Direktor der Kinder- und Jugendklinik. (Foto: M. Rabenstein/Universitätsklinikum Erlangen)

Prof. Dr. Joachim Wölfle ist neuer Direktor der Erlanger Kinderklinik

„Ein guter Kinderarzt ist für mich jemand, der sein Spezialgebiet perfekt bedient, aber nie vergisst, auch über den Tellerrand zu schauen. Jemand, der sich kümmert und sich auch nach einer Überweisung über seine Patienten informiert.“ Diesen Anspruch hat Prof. Dr. Joachim Wölfle – er ist neuer Direktor der Kinder- und Jugendklinik. Mit seinen Schwerpunkten pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie ergänzt er die bisherigen Stärken der Erlanger Kinderklinik, will vor allem im Bereich der Wachstumsforschung neue Impulse setzen und die Versorgung von Patienten mit seltenen Erkrankungen ausbauen. Prof. Wölfle hat das Direktorenamt von Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfang Rascher, der der Kinderklinik 21 Jahre lang vorstand, zum 1. Juli 2019 übernommen.

Selbst die größten Babysöckchen werden irgendwann einmal zu klein, aus der ersten Latzhose schießt ein Kleinkind meist schneller heraus, als die Eltern schauen können, mit den Jahren müssen immer neue Autositze und größere Fahrräder gekauft werden. Kinder wachsen – das ist ganz normal und gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu. Was aber, wenn das Wachstum sich verzögert, wenn es zu früh beginnt oder endet? „Die Forschung zu Wachstumsstörungen liegt im Herzen der Pädiatrie“, antwortet Prof. Wölfle auf die Frage, warum er sich gerade für dieses Gebiet interessiert. „Die Ursachen können überall begründet sein – in den Hormonen zum Beispiel, in den Genen oder der Ernährung –, das finde ich spannend.“ Der neue Klinikdirektor setzt seinen Forschungsschwerpunkt in der sogenannten perinatalen Programmierung. „Wir gehen davon aus, dass die Stoffwechselgesundheit eines Menschen nicht nur von seinen Genen geprägt ist, sondern auch von den Einflüssen im Mutterleib sowie postnatal in den ersten Lebenstagen.“ So will Prof. Wölfle etwa den Einfluss der Ernährung und der Geburtsfaktoren enträtseln, mit Fragen wie: Hat die Unterversorgung eines Kindes während der Schwangerschaft einen Einfluss auf sein späteres Wachstum, auf den Pubertätseintritt, die kognitive Entwicklung und vielleicht sogar auf sein Appetitempfinden?

Diabetes und Adipositas gut versorgt

Vor seinem Wechsel nach Erlangen war Prof. Wölfle im Zentrum für Kinderheilkunde des Universitätsklinikums Bonn tätig – als stellvertretender Klinikdirektor und später als kommissarischer Leiter. Hier spezialisierte sich der gebürtige Offenburger auf die Endokrinologie und setzte einen Schwerpunkt in der Diabetologie. „Diabetes ist eine Erkrankung, die leider weiter expandiert“, sagt Prof. Wölfle. „Und zwar nicht nur der Typ 2, der meist durch Umweltfaktoren entsteht, sondern besonders der von einem überreagierenden Immunsystem verursachte Typ-1-Diabetes. Zum einen wollen wir genauer herausfinden, warum das so ist. Zum anderen müssen wir in der Zwischenzeit noch bessere Behandlungsstrukturen schaffen für die, die bereits erkrankt sind.“ Viel passiere aktuell zum Beispiel in der Medizintechnik, allen voran um das sogenannte Closed-Loop-System – eine implantierte Insulinpumpe, die den Wirkstoff nicht nur automatisch ins Blut abgibt, sondern über einen Messsensor sogar eigenständig ermittelt, welche Dosierung gerade benötigt wird. Die Zulassung dieses Systems wird in Deutschland für den Herbst 2019 erwartet.

Im Zuge der Diabetesforschung befasst sich Prof. Wölfle auch mit kindlicher Adipositas, also krankhaftem Übergewicht. „Ein trauriger Trend, dem wir durch Prävention und Behandlung engagiert entgegentreten müssen“, betont er. In Bonn leitete der 54-Jährige ein ambulantes Therapieprogramm für junge Adipositaspatienten, bestehend aus Sport-, Ernährungs- und Verhaltenstherapie. Auch für die Erlanger Region möchte Prof. Wölfle ein solches Projekt etablieren. „Obwohl nicht alle Kinder und Jugendliche es schaffen, langfristig gegen ihr Übergewicht vorzugehen, verzeichnen wir im Programm trotzdem positive Effekte, die nicht auf der Waage zu sehen sind. Viele Patienten gehen zum Beispiel psychisch gestärkt aus dem Projekt heraus.“

Seltene Erkrankungen – Behandlung unter einem Dach

Bei aller Spezialisierung den Blick über den Tellerrand nicht zu vergessen – das ist Prof. Wölfle vor allem bei der Versorgung seltener Erkrankungen wichtig. Beim Ulrich-Turner-Syndrom zum Beispiel. Hiervon betroffen sind Mädchen, die mit nur einem X-Chromosom auf die Welt kommen. Sie haben oft kardiovaskuläre Fehlbildungen, leiden an Hörstörungen und später an einer eingeschränkten Fruchtbarkeit. „Als Kinder und Jugendliche sind sie in der Regel gut und engmaschig versorgt“, sagt der neue Kinderklinikdirektor. „Als Erwachsene aber haben Ulrich-Turner-Patientinnen oft große Schwierigkeiten, kompetente Ansprechpartner für ihre Beschwerden zu finden. Ich möchte daher in Erlangen ein interdisziplinäres Versorgungszentrum aufbauen, in dem die Patientinnen in jedem Lebensalter und von erfahrenen Spezialisten unter einem Dach betreut werden.“

Engagement in der Fachgesellschaft

Prof. Wölfle studierte Medizin in Freiburg im Breisgau, arbeitete anschließend in Basel und zuletzt in Bonn. Als „perfekte Zeit“ beschreibt er auch seine drei Forschungsjahre an der US-amerikanischen Oregon Health and Science University in Portland. Seit vielen Jahren ist Prof. Wölfle in der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie aktiv und steht der Fachgesellschaft seit drei Jahren als Präsident vor. In dieser Position engagiert er sich für das kollegiale Netzwerk seines Spezialgebiets sowie für die Forschungs- und Nachwuchsförderung. Der 54-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Joachim Wölfle

Tel.: 09131/85-33111