Neue Hoffnung für Patienten mit Depressionen und Angst

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Vier Millionen Menschen in Deutschland zeigen Symptome einer Depression, doch nur wenige erhalten eine effektive Therapie. FAU- Forscher wollen das ändern. (Model-Foto: Colourbox.de)

FAU-Forscher entdecken starken Zusammenhang von Depressionen und Angsterkrankungen mit einer chronischen Erkrankung der Schilddrüse

Depressionen und Angststörungen zählen weltweit zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen. Allein in Deutschland wurden – nach Angaben des Statistischen Bundesamts – im Jahr 2016 mehr als 260.000 Patientinnen und Patienten aufgrund einer Depression vollstationär im Krankenhaus behandelt. Es besteht ein starker Zusammenhang von Depressionen und Angsterkrankungen mit der Autoimmunthyreoiditis (AIT), einer chronischen Erkrankung der Schilddrüse, die etwa 10 Prozent der Bevölkerung betrifft. Eine spezielle Therapie könnte vielen Betroffenen – vor allem Frauen – helfen. Dies haben Wissenschaftler der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik nachgewiesen. Die Ergebnisse wurden nun im international führenden Psychiatriemagazin „JAMA Psychiatry“ der American Medical Association veröffentlicht.

Selbst zahlreiche Fälle untersucht

Einen starken Zusammenhang von Depression und Angsterkrankungen mit der Autoimmunthyreoiditis (AIT) hat Dr. Teja Wolfgang Grömer, niedergelassener Arzt in Bamberg und Privatdozent am Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie, unterstützt durch Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Johannes Kornhuber und Wissenschaftler der Psychiatrischen Klinik der Universität Bonn, nun nachgewiesen. „Ich habe in meiner Sprechstunde inzwischen viele hundert Menschen mit Depression und Angst gesehen“, berichtet der Psychiater und ehemalige Max-Planck-Forscher. „Ende 2015 fiel mir der starke Zusammenhang zwischen AIT und den beiden Krankheiten, insbesondere wenn beide vorliegen, auf. Ich plante eine Forschungsarbeit, da es bei mehr als jedem zweiten Fall von Angst und Depression – und nur in diesen Fällen, nicht bei anderen Erkrankungen – zu einem positiven Antikörpernachweis kam.“ Daraufhin erarbeitete der Forscher mit Unterstützung einer Studentin im Fach Psychologie an der Universität Bamberg, Eva-Maria Siegmann, und den Mitautoren eine systematische Übersichtsarbeit zum gegenwärtigen Forschungsstand und berechnete auch statistisch die Stärke des Zusammenhangs. Für seine Metastudie kombinierte der Psychiater 21 voneinander unabhängige Studien mit insgesamt 36.174 Teilnehmern. Davon litten 35.168 an Depressionen, 34.094 an Angsterkrankungen.

Erstdiagnose von Autoimmunthyreoiditidis

„Die meisten Patienten zeigten sich durch die Stellung der Diagnose befreit“, betont Dr. Grömer, „denn oft hatten sie vorher keine Erklärung für ihr Krankheitsbild.“ Bei einer Autoimmunthyreoiditidis kommt es zu einer anhaltenden Entzündung der Schilddrüse, deren Hormone sowohl den Stoffwechsel und zellulären Energiehaushalt als auch die gefühlte Energie und die Psyche beeinflussen. AIT führt bei Betroffenen zu spezifischen psychischen Symptomen, unter anderem innerer Unruhe, Anspannung und Erschöpfung. Meist erkranken Menschen zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer. Da der Beginn der Erkrankung oft mit den Wechseljahren zusammenfällt und normalerweise keine Schmerzen verursacht, wird die Schilddrüsenentzündung jedoch leicht übersehen oder als „Wechseljahrsbeschwerden“ oder eben als reine Depression oder Angst fehl gedeutet.

Große Zahl von Betroffenen

Tatsächlich zeigte sich in der Berechnung, dass das Risiko für einen Patienten mit AIT für eine Depression 3,5-fach erhöht ist, bei der Diagnose Angst 2,3-fach. Dies klingt zunächst moderat, da alle drei Erkrankungen aber sehr häufig sind, ergibt sich daraus, dass mehr als 40 Prozent der Depressionen und 30 Prozent der Angsterkrankungen bei Patienten mit AIT vorkommen. In seinem Artikel beschreibt Dr. Grömer ausführlich ein Modell der Erkrankung.

Erkennt der behandelnde Arzt die Zusammenhänge, so wird im Artikel anhand umfassender Literaturrecherche beschrieben, kann er eine spezielle Therapie anwenden und frühzeitig gewichtsneutrale Antidepressiva sowie das Spurenelement Selen zur Behandlung einsetzen. Wesentlich ist auch die umfassende Information der Patienten. Dr. Grömer empfiehlt daher, bei allen Patienten mit Depression und Angst ein Screening für AIT mit der Bestimmung von Antikörpern durchzuführen. Darüber hinaus müssten in künftigen psychiatrischen Forschungsarbeiten zu Depression oder Angst die AIT-Erkrankten eine eigene Gruppe darstellen, um die Zusammenhänge noch näher zu beleuchten.

Weitere Informationen

PD Dr. med. Teja Wolfgang Grömer