Speiseröhre unter Strom

M. Elshafei (l.) und Prof. Dr. R. Grützmann passen mit einem kleinen Gerät auf N. Abou Zahets Bauch die Intensität der Stromimpulse an, die der Ösophagusschrittmacher aussendet. (Foto: Universitätsklinikum Erlangen)

Mithilfe eines Schrittmachers bringen Chirurgen erstmals eine teilgelähmte Speiseröhre wieder in Bewegung

Eine Speiseröhre, die sich nicht richtig bewegt – das kommt selten vor, mindert die Lebensqualität der Betroffenen aber erheblich. Die heute 73-jährige Noufa Abou Zahet litt drei Jahre lang unter einer unklaren Bewegungsstörung der Speiseröhre (Ösophagusmotilitätsstörung). Der untere Abschnitt des Hohlorgans war steif und konnte die Muskelbewegungen, die eigentlich den Nahrungsbrei in den Magen transportieren, nicht mehr ausführen. N. Abou Zahet erbrach alles, was sie aß. Sie nahm fast 30 Kilogramm ab, bis sie schließlich Anfang 2017 vier Monate lang künstlich ernährt werden musste. Moustafa Elshafei von der Chirurgischen Klinik implantierte der Patientin jetzt einen Ösophagusschrittmacher. Das kleine Gerät, das aussieht wie ein Herzschrittmacher, regt die Speiseröhre wieder zur vollen Beweglichkeit an und gibt N. Abou Zahet ihre frühere Lebensqualität zurück. Der risikoarme, minimalinvasive Eingriff wurde am Universitätsklinikum erstmals durchgeführt.

N. Abou Zahet hatte sich ursprünglich in der interdisziplinären Magen-Sprechstunde des Universitätsklinikum vorgestellt, weil sie keine feste Nahrung bei sich behalten konnte und zusätzlich über Reflux klagte, also den Rückfluss von Nahrung in die Speiseröhre sowie den Rachen- und Mundraum. Bei umfassenden Untersuchungen – Manometrie, Gastroskopie, Computertomografie des Abdomens und Ösophagusbreischluck – stellten die Chirurgen bei der 73-Jährigen neben der Ösophagusmotilitätsstörung auch eine Hiatushernie fest.

Dieser Bruch im Zwerchfell verhindert, dass der Speiseröhren-Schließmuskel sich korrekt und vollständig schließt. So kann immer wieder Magensäure in die Speiseröhre fließen.

erklärt M. Elshafei. Angesichts der schwerwiegenden Diagnose empfahlen die Chirurgen der Patientin die Implantation eines Ösophagusschrittmachers.

Als Alternative blieb nur die Entfernung der Speiseröhre. Das wollten wir der Patientin ersparen.

sagt Prof. Dr. R. Grützmann. Über drei kleine, je einen Zentimeter lange Bauchschnitte implantierte M. Elshafei den Schrittmacher im Bauchraum und verband ihn mit zwei Elektroden in der Außenwand der Speiseröhre. Seitdem gibt der Schrittmacher kontinuierlich elektrische Impulse ab.

Die Stärke und die Frequenz der Stromimpulse stellen wir mit einem kleinen Kästchen ein, das nach der Operation einfach auf die Bauchdecke gelegt wird. So können wir den Schrittmacher auch bei Nachuntersuchungen jederzeit neu justieren. Wir erzielen damit schnelle Ergebnisse – nach oft vielen Jahren des Leidens.

sagt der behandelnde Chirurg. Die Schlüsselloch-OP zum Einsetzen des Schrittmachers dauert etwa 60 Minuten.

Die OP wird minimalinvasiv durchgeführt, so dass sich die Patienten schnell wieder erholen.

erläutert M. Elshafei. Weil keine großen anatomischen Veränderungen im Körper vorgenommen werden, ist die Operation sehr risikoarm. Bis das Essen nach dem Eingriff wieder ganz normal funktioniert, können bis zu drei Monate vergehen. Bei N. Abou Zahet ist bereits nach vier Wochen wieder fast alles wie vorher:

Schon nach sechs Tagen habe ich das erste Käsebrötchen gegessen.

freut sie sich. Mindestens zehn Jahre kann der Schrittmacher nun in ihrem Bauch verbleiben.

Es besteht sogar die Hoffnung, dass sich die dauerhaft stimulierten Nerven regenerieren und die Patientin vielleicht irgendwann wieder ohne das Gerät leben kann.

erklärt Moustafa Elshafei.

Behandlung der Refluxkrankheit

Neben den seltenen Ösophagusbewegungsstörungen wie bei N. Abou Zahet sehen die Erlanger Chirurgen heute oft Speiseröhrenerkrankungen, die auf einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen sind.

Schlechte Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsmangel und Adipositas sind die Hauptursachen für die Refluxkrankheit.

führt Moustafa Elshafei aus. Bei der häufigsten gutartigen Erkrankung des oberen Gastrointestinaltrakts in den westlichen Industrieländern wird das „Ventil“ am Ausgang der Speiseröhre undicht, sodass der saure Mageninhalt übermäßig stark in die Speiseröhre sowie den Rachen- und Mundraum zurückfließt.

Der Reflux zeigt sich zunächst durch Sodbrennen und kann im Verlauf auch saures Aufstoßen, ein Brennen im Brustkorb, Halsschmerzen, Heiserkeit und Reizhusten hervorrufen. Im schlimmsten Fall führt Reflux zu Krebsvorstufen in der Speiseröhre (Barrett-Syndrom) oder zu einem Ösophaguskarzinom. Oft nehmen Betroffene über Jahre hinweg Protonenpumpenhemmer (PPI), die die Bildung von Magensäure unterdrücken sollen. Helfen die Medikamente nicht und haben die Patienten dauerhaft Beschwerden, kann auch ihnen ein Ösophagusschrittmacher helfen. Die am Speiseröhrenausgang ankommenden elektrischen Impulse stärken das Anti-Reflux-Ventil und dichten den Schließmuskel wieder ab.

Mit dem Ösophagusschrittmacher steht uns am Universitätsklinikum die derzeit modernste Therapie auf diesem Gebiet zur Verfügung.

sagt Prof. Dr. R. Grützmann.

Daneben bieten die Erlanger Chirurgen auch alle anderen Verfahren der Refluxchirurgie an: von laparoskopischen über minimalinvasive Techniken bis hin zu Eingriffen mit dem Da-Vinci-OP-Roboter. Patienten mit Magen- und Speiseröhrenbeschwerden können sich in der Sprechstunde „Erkrankungen des Magens und der Speiseröhre“ der Chirurgie vorstellen, in der Oberarzt Dr. C. Krautz und M. Elshafei gemeinsam Patienten betreuen (Tel.: 09141 85-33368, Montag bis Donnerstag von 7.30 bis 16.00 Uhr und Freitag von 7.30 bis 14.00 Uhr).

Weitere Informationen

Moustafa Elshafei
Telefon: 09131 85-40906