Navigation

Arbeit an der Bruchkante

Hae-Hyoung Lee hat den weiten Weg aus Südkorea auf sich genommen, um sich in Erlangen unter Anleitung von hiesigen Experten „hands-on“ weiterzubilden. (Bild: B. Mestel/Universitätsklinikum Erlangen)

Einzigartiger Erlanger Kurs vereint Zahnärzte und Ingenieure aus aller Welt an den Mikroskopen

Ein sonniger Spätsommertag, im Liegestuhl mit Blick ins Grüne, auf dem Teller Zwetschgenkuchen mit Sahne, doch plötzlich: Autsch! Beim Biss in das saftige Gebäckstück stoßen die Zähne auf einen übersehenen Kern und zack, schon bricht eine Krone heraus. „Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern auch ärgerlich“, weiß Prof. Dr. Ulrich Lohbauer, Wissenschaftler in der Zahnklinik 1. „Der Patient muss sich nicht nur umgehend um einen Arzttermin kümmern, sondern die Reparatur seines Zahnersatzes häufig auch selbst bezahlen.“ Möglichst viele Menschen davor zu bewahren, ist Prof. Lohbauers Ziel. Dafür nimmt der Diplom-Ingenieur für Materialwissenschaften solche Bruchstücke genau unter die Lupe: Ist die Ursache im Material zu finden? Lag es an der Verklebung oder vielleicht an der Präparation? Ihre jahrelange Erfahrung und ihr umfangreiches Wissen geben Prof. Lohbauer und sein Team alle zwei Jahre in einem einzigartigen Kurs an Fachkolleginnen und -kollegen aus aller Welt weiter. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisen sogar aus Asien, Amerika und Neuseeland an, um sich von den Erlanger Expertinnen und Experten weiterbilden zu lassen.

„Ich kannte die Namen der Spezialisten des Universitätsklinikums Erlangen aus zahlreichen Fachpublikationen, deswegen habe ich mich für den Kurs angemeldet“, berichtet Hae-Hyoung Lee, Ingenieur aus Südkorea, einer der diesjährigen Teilnehmer. „Besonders gefällt mir der sowohl internationale als auch interdisziplinäre Austausch.“ Die insgesamt 20 Plätze wurden von Zahnärztinnen und Zahnärzten, Ingenieurinnen und Ingenieuren, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus universitären Einrichtungen, aber auch aus der Industrie gebucht. „Es handelt sich explizit um einen Hands-on-Kurs, der Theorie und Praxis miteinander verbindet“, erläutert Prof. Lohbauer. „Am ersten Tag widmen wir uns experimentellen Ansätzen aus dem Forschungslabor, am zweiten der klinischen Realität, und am dritten wagen wir einen Blick in die Zukunft unseres gemeinsamen Arbeits- und Forschungsfeldes.“ Neben Prof.  Lohbauer leiten Dr. Renan Belli, ebenfalls Wissenschaftler in der Zahnklinik 1, Prof. Dr. Susanne Scherrer von der Universität Genf (Schweiz) und Prof. Dr. Paulo Cesar von der Universität von São Paulo (Brasilien) den englischsprachigen Kurs.

Detektive auf Spurensuche

Das Kurs-Team hat zahlreiche Muster von beschädigten Prothesen zusammengetragen, um den Teilnehmern möglichst anschaulich die Vielfalt der Bruchstellen zeigen zu können. (Bild: B. Mestel/Universitätsklinikum Erlangen)

Kronen, Brücken und Implantate werden aus unterschiedlichen Materialien gefertigt, beispielsweise aus Keramik. Unter welchen Umständen diese Werkstoffe brechen oder splittern, das untersuchen die Wissenschaftler systematisch. „Wie Detektive begeben wir uns auf den Bruchflächen auf Spurensuche, um herauszufinden, wie und warum dieser Zahnersatz kaputtgegangen ist“, beschreibt Prof. Scherrer ihre Tätigkeit und präsentiert mehrere kleine Kästen, in denen zahlreiche vergoldete Modelle echter beschädigter Prothesen liegen. „An diesen ganz unterschiedlichen Mustern lernen die Kursteilnehmer, Bruchkanten, Oberflächenstrukturen etc. unter dem Mikroskop eindeutig zuzuordnen.“ Dieses Wissen können alle beteiligten Berufsgruppen später in der Praxis nutzen. „Die Fraktografie, sozusagen die Bruch-Wissenschaft, stellt das Bindeglied zwischen der Entwicklung im Labor und der Anwendung in der Klinik dar“, erklärt Prof. Lohbauer. Vereinfacht ausgedrückt: In dem Erlanger Kurs sieht der Ingenieur, welchen Belastungen das von ihm entwickelte Material im menschlichen Mund standhält – und welchen nicht. Die Zahntechnikerin lernt, was bei der Herstellung des individuellen Zahnersatzes zu beachten ist, und der Zahnarzt, wie eine möglichst langfristige Verklebung gewährleistet werden kann. Zudem blickt jede Berufsgruppe über ihren Tellerrand hinaus, nimmt die Perspektive der jeweils anderen ein und entwickelt so ein besseres Verständnis für die Anforderungen, die an einen langlebigen Zahnersatz gestellt werden.

Erlangen als idealer Wissenschaftsstandort

Mithilfe der Stereomikroskope lassen sich auch kleinste Bruchflächen räumlich darstellen und so Rückschlüsse auf die Ursache des Schadens ziehen. (Bild: B. Mestel/Universitätsklinikum Erlangen)

„Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich bewusst für diese Weiterbildung entschieden“, sagt Prof. Lohbauer. „Bisher ist die dentale Fraktografie leider weder in der Ausbildung von Zahntechnikern noch im Zahnmedizinstudium ein Thema. Wir wünschen uns, dass sich das ändert, denn dieses Know-how kommt den Patienten direkt zugute.“ Genau deswegen hat sich der Diplom-Ingenieur auch für eine Tätigkeit an der Medizinischen Fakultät der FAU entschieden: „Die Materialwissenschaften sind ein breites Feld, aber hier in der Zahnklinik arbeite ich nah am Menschen. Meine Forschung wird vergleichsweise schnell in die Patientenversorgung übertragen.“ Was in Prof. Lohbauers Augen außerdem für den Standort Erlangen spricht: die einzigartige Nachbarschaft des Universitätsklinikums zur Volluniversität FAU Erlangen-Nürnberg. Sowohl für die Studierenden als auch für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind die Wege kurz: Die Zahnmedizinerinnen und -mediziner der Medizinischen Fakultät klopfen beispielsweise bei den Werkstoffwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern der Technischen Fakultät einfach kurz an die Tür, wenn es um die Entwicklung von neuen Biomaterialien geht. „Auch unser Hands-on-Kurs profitiert von dieser Nachbarschaft und der hiesigen Kompetenz“, veranschaulicht Prof. Lohbauer. „Wir sind zu Gast in den toll ausgestatteten Räumen der Pathologie und nutzen die hochmodernen Stereomikroskope der Paläontologie. Liegen heute halt mal Zähne statt Fossilien unter dem Objektiv.“

Weitere Informationen

Prof. Dr. Ulrich Lohbauer
Tel.: 09131 85-43740